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14.01.2006
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Datenbank - Asyl
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ai-Journal Januar 2007
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Trotz der katastrophalen Sicherheitslage in ihrer Heimat möchte die
Bundesregierung irakische Flüchtlinge so bald wie möglich abschieben.
Von Ruth Jüttner.
Im Frühjahr erhielt Ibrahim Amin* ein Schreiben des Bundesamtes für Migration und
Flüchtlinge, in dem lapidar festgestellt wurde: »Die politische Situation im Irak hat sich
(…) grundsätzlich verändert. (…) Es sind keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass
von der neuen irakischen Regierung politische Verfolgung ausgeht oder ausgehen
wird«. Ibrahim Amin war vor zehn Jahren als Kurde aus der Stadt Kirkuk in die
Bundesrepublik geflohen und wurde als Flüchtling anerkannt. Mit Hinweis auf die
geänderte Lage im Irak hat das Bundesamt diesen Schutz nun widerrufen. Etwa 20.000
solcher Widerrufsverfahren wurden seit dem Sturz der Ba`th-Regeriung unter Saddam
Hussein gegen anerkannte irakische Flüchtlinge eingeleitet. Dieses Vorgehen der
deutschen Behörden gegen irakische Flüchtlinge ist beispiellos –in keinem anderen
europäischen Land wird in diesem Ausmaß irakischen Flüchtlingen die
Asylanerkennung entzogen.
Ein Blick auf die tatsächliche Lage im Irak genügt, und es wird offenkundig, wie
unhaltbar die Behauptungen des Bundesamtes sind. Es vergeht kein Tag, an dem nicht
über Autobomben und Selbstmordanschläge auf belebte Plätze, Schießereien zwischen
rivalisierenden Milizen und Sicherheitskräften, spektakuläre Entführungen am
helllichten Tag, Anschläge auf Angehörige der irakischen Regierung und Mitarbeiter in
Ministerien, tödliche Schusswechsel und Leichenfunde berichtet wird. Seit Jahren
verschlechtert sich die Sicherheitslage im Irak, doch mit Beginn dieses Jahres setzte
sich eine neue dramatische Spirale der Gewalt in Gang. Mit dem Anschlag auf die
Goldene Moschee, einem schiitischen Heiligtum in Samarra, hat die Eskalation
konfessioneller Gewalt zwischen sunnitischen und schiitischen Milizen und
Todesschwadronen im Februar 2006 begonnen und nimmt seither unaufhaltsam an
Intensität zu. Jeder Anschlag auf die eine konfessionelle Gruppe wird mit Racheakten
durch Milizen der anderen Konfession beantwortet, die ihrerseits wieder zu
Vergeltungsanschlägen führen.
Auch die zahlreichen Leichen, die in vielen irakischen Städten seit Monaten täglich
aufgefunden werden, sind ein grausamer Ausdruck der konfessionellen Gewalt. Viele
der Leichen, die häufig mit gefesselten Armen und hinrichtungsähnlichen
Schusswunden gefunden werden, weisen Spuren brutaler Foltermethoden auf. In den
Monaten Mai bis Oktober 2006 wurden nach UNO-Angaben jeden Monat mehr als 3.000
irakische Zivilisten getötet. Die Zahl der zivilen Opfer hat sich seit Januar 2006
mindestens vervierfacht.
Über dieses extrem hohe Niveau der alltäglichen Gewalt hinaus leben einige
Personengruppen im Irak besonders gefährlich, werden Opfer gezielter Anschläge und
Übergriffe durch bewaffnete Gruppen. Zu diesen Risikogruppen zählen Angehörige der
irakischen Regierung, lokaler Behörden, der Polizei und Armee, politischer Parteien
und Nichtregierungsorganisationen sowie Journalisten, Lehrer, Professoren, Ärzte,
Rechtsanwälte, Richter, Frauen und Angehörige ethnischer oder religiöser
Minderheiten.
So wurde Mitte Oktober der Bruder des Obersten Staatsanwaltes im so genannten
»Anfal-Verfahren« gegen Saddam Hussein und sechs weitere Angeklagte vor den
Augen seiner Ehefrau erschossen. Ende September wurden der Schwager und der
Neffe des Vorsitzenden Richters in dem gleichen Verfahren ebenfalls ermordet. Mitte
2006 wurde ein bekannter Rechtsanwalt, der vor allem Fälle von so genannten
»Ehrenmorden« und Scheidungen bearbeitet hat, in seinem Büro getötet. Angesichts
der Bedrohung derjenigen, die für den Aufbau eines rechtsstaatlichen Justizsystems
und für die Achtung der Menschenrechte einen besonderen Beitrag leisten, sind seit
Anfang 2006 mindestens 120 Rechtsanwälte aus dem Irak geflohen.
Diese Eskalation der täglichen willkürlichen und gezielten Gewalt spielt sich vor dem
völligen Zusammenbruch von Recht und Ordnung ab. Justiz und Ermittlungsbehörden
sind überfordert, nicht ausreichend geschult und ausgestattet, um unter den
gegebenen lebensbedrohlichen Bedingungen eine effiziente und rechtsstaatliche
Strafverfolgung umzusetzen. Die irakische Polizei ist nicht in der Lage, die
Zivilbevölkerung und bedrohte Personen zu schützen. Im Gegenteil: Die Bevölkerung
hat kein Vertrauen in die eigenen Sicherheitskräfte und Justiz. Vielen Polizeieinheiten
wird vorgeworfen, von Milizangehörigen unterwandert zu sein, und entweder selbst an
den Gewalttaten beteiligt zu sein, oder sie nicht effektiv zu verhindern. Die Täter
können sicher sein, nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, denn die überwiegende
Mehrheit der Anschläge und außergerichtlichen Hinrichtungen werden nicht aufgeklärt.
Diese katastrophale Lage hat dazu geführt, dass der Irak zu einem Land der Flüchtlinge
geworden ist. Nach Schätzungen des UNHCR sind etwa 750.000 Iraker seit dem Sturz
Saddam Husseins aus ihren Häusern und Wohnorten vertrieben worden. Mehr als die
Hälfte dieser so genannten Binnenflüchtlinge ist allein in den sechs Monaten zwischen
Mai und Oktober seit dem Beginn der eskalierenden Gewalt zwischen Schiiten und
Sunniten geflohen. Für viele bedeutet dies nicht nur den Verlust ihrer Wohnung,
sondern auch ihres Einkommens. Die Vertriebenen werden zu Bittstellern, die auf die
Hilfe staatlicher Stellen und internationaler Hilfsorganisationen zum Überleben
angewiesen sind. Aus einigen Provinzen wird bereits berichtet, dass ohne zusätzliche
Unterstützung keine weiteren Vertriebenen mehr aufgenommen, untergebracht und
versorgt werden können.
Die Innenminister scheinen vor der Realität im Irak beharrlich die Augen zu
verschließen und statt dessen ihre Pläne, irakische Flüchtlinge »baldmöglichst« in ihre
Heimat abzuschieben, mit allen Tricks umsetzen zu wollen. Um Wege für die
Abschiebung von Irakern auszuloten, wurden im Sommer 2006 Verhandlungen mit der
irakischen Regierung und Vertretern der kurdischen Region im Nordirak
aufgenommen. Als erstes Ergebnis verkündeten die Innenminister Mitte November
2006 stolz, dass zunächst straffällige Iraker über den Nordirak abgeschoben werden
sollen. Auch der nächste Schritt zeichnet sich ab: Die drei kurdischen Provinzen im
Nordirak werden zum sicheren Gebiet deklariert, in das Flüchtinge aus dem Irak
abgeschoben werden können. Schon jetzt berichten irakische Flüchtlinge zunehmend,
dass sie von den Behörden unter Druck gesetzt werden, »freiwillig« in den Irak
zurückzukehren.
Diese Politik gegenüber irakischen Flüchtlingen ist nicht nur menschenrechtswidrig,
sondern zynisch und zutiefst beschämend. Es sind nicht die wohlhabenden
europäischen Staaten, die die Hauptlast des irakischen Flüchtlingsproblems tragen,
sondern die Staaten in unmittelbarer Nachbarschaft: In Jordanien haben
schätzungsweise 700.000 Iraker Zuflucht gesucht, in Syrien soll die Zahl der irakischen
Flüchtlinge auf 600.000 angestiegen sein. Und so bleibt Ibrahim Amin, dem Kurden
aus der umkämpften Stadt Kirkuk, nur die Hoffnung, dass deutsche Politiker dem
Beispiel der aufnahmebereiten Nachbarstaaten folgen und einen unmissverständlichen
Abschiebungsstopp für irakische Flüchtlinge erlassen. Iraker sollten in Deutschland so
lange Schutz erhalten, bis in ihrer Heimat stabile staatliche Strukturen entstanden
sind, die ein friedliches Zusammenleben und eine Rückkehr in Sicherheit und Würde
ermöglichen.
Wer gebildet ist, lebt besonders gefährlich
Lehrer, Professoren, Mitarbeiter an den Universitäten und Ärzte werden Opfer gezielter
Anschläge, Entführungen und Todesdrohungen. Nach irakischen Angaben sind 170
Professoren seit 2003 gezielt getötet worden. Lehrerinnen und Professorinnen werden
an den Bildungseinrichtungen durch Milizionäre unter Druck gesetzt, sich an strenge
islamische Kleidungsvorschriften zu halten und den Schleier zu tragen. In einigen
Provinzen wurden Ende September zahlreiche Schulen mit Beginn des neuen
Schuljahres aufgrund der alarmierenden Sicherheitslage und Drohungen durch
bewaffnete Gruppen nicht wieder eröffnet. Besonders stark betroffen von den
Schließungen sind vor allem Mädchenschulen und die Provinz Diyala, in der nach
Angaben der Provinzverwaltung 90 Prozent der Schulen geschlossen wurden.
* (Name geändert)
Die Autorin ist Nahost-Expertin der deutschen ai-Sektion.
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