Zuletzt aktualisiert:
14.01.2006
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Datenbank - Asyl
- Ab in den Hindukusch -
ai-Journal Januar 2007
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Die wirtschaftliche Situation in Afghanistan ist verheerend, die Sicherheitslage
ebenso. Dennoch plant der Hamburger Innensenator die Abschiebung von
Flüchtlingen nach Kabul.
Von Verena Harpe.
Afghanistan fünf Jahre nach dem Sturz der Taliban: Im Süden und Osten herrscht
offener Krieg, Selbstmordattentate häufen sich, allein im vergangenen Jahr kamen
über 2.000 Menschen bei Anschlägen oder Kämpfen ums Leben, die meisten von ihnen
Zivilisten. Doch während sich Verteidigungsminister Franz-Josef Jung Sorgen um die
Sicherheit deutscher Soldaten am Hindukusch macht, sind sich die Innenminister der
Länder einig: Abschiebungen nach Afghanistan sind zumutbar.
Die Unsicherheit unter den etwa 11.000 ausreisepflichtigen Afghanen in Deutschland
ist entsprechend groß. Seit im Sommer 2005 der Abschiebestopp aufgehoben wurde,
sind nicht nur alleinstehende Männer, sondern auch Ehepaare und Angehörige von
Minderheiten zurückgeschickt worden. Wer von den afghanischen Flüchtlingen nicht
unter die neue Bleiberechtsregelung fällt–und das betrifft viele –, soll »zeitnah« nach
Afghanistan zurück, so der Hamburger Innensenator Udo Nagel. Sicherheitsbedenken
hat er keine. Insbesondere Kabul hält er für sicher, von Anschlägen seien dort
höchstens Ausländer betroffen.
Beobachter vor Ort zeichnen ein anderes Bild: Die Bevölkerung der afghanischen
Hauptstadt ist seit 2001 extrem angewachsen, inzwischen sind mehr als vier Millionen
Flüchtlinge aus den Nachbarländern Pakistan und Iran zurückgekehrt. Kabul kann
diesen Zustrom nicht bewältigen, die Infrastruktur steht vor dem Kollaps. Caritas
international schätzt, dass etwa eine Million Menschen ohne ausreichenden
winterfesten Wohnraum ist. Viele seien mangelernährt und ohne Strom- und
Trinkwasserversorgung. Es gibt kaum Arbeit.
Auch von Sicherheit kann in Kabul keine Rede sein. Die Zahl der Anschläge und
Selbstmordattentate steigt. Das Auswärtige Amt erklärt in seinem Lagebericht, dass es
in einigen Stadtteilen häufig zu Schießereien und Gewaltverbrechen kommt. Dabei
seien Rückkehrer besonders gefährdet, da man bei ihnen Geld vermutet.
Dennoch will Hamburg, wo viele Afghanen leben, jetzt auch Familien mit Kindern ins
Flugzeug nach Kabul setzen. Die vierköpfige Familie Sharifzada soll unter den ersten
sein. Die beiden Kinder gehen in Hamburg zur Schule, der 17-jährige Sohn steht kurz
vor seinem Abschluss. Wovon sie in Kabul leben sollen, ob die Kinder eine Schule
besuchen können, die Sharifzadas wissen es nicht. Die Mutter ist krank, und in Kabul
existiert praktisch keine Gesundheitsversorgung. Kein Problem, sagt die Hamburger
Innenbehörde, dann bekommt sie einen Medikamentenvorrat für ein Jahr. Zumindest
solange ein Petitionsantrag in diesem Fall läuft, bleibt die Familie von der Abschiebung
noch verschont. Doch im vergangenen November haben bereits 150 weitere Familien in
Hamburg Briefe mit genauen Abschiebeterminen erhalten.
Dennoch will Hamburg, wo viele Afghanen leben, jetzt auch Familien mit Kindern ins
Flugzeug nach Kabul setzen. Die vierköpfige Familie Sharifzada soll unter den ersten
sein. Die beiden Kinder gehen in Hamburg zur Schule, der 17-jährige Sohn steht kurz
vor seinem Abschluss. Wovon sie in Kabul leben sollen, ob die Kinder eine Schule
besuchen können, die Sharifzadas wissen es nicht. Die Mutter ist krank, und in Kabul
existiert praktisch keine Gesundheitsversorgung. Kein Problem, sagt die Hamburger
Innenbehörde, dann bekommt sie einen Medikamentenvorrat für ein Jahr. Zumindest
solange ein Petitionsantrag in diesem Fall läuft, bleibt die Familie von der Abschiebung
noch verschont. Doch im vergangenen November haben bereits 150 weitere Familien in
Hamburg Briefe mit genauen Abschiebeterminen erhalten.
Entgegen der Praxis deutscher Behörden und Verwaltungsgerichte lässt sich Kabul auch
nicht losgelöst vom Rest Afghanistans betrachten. Ein Blick auf die Lage im gesamten
Land gibt keinen Anlass zum Optimismus. Die Situation ist schlecht wie nie zuvor seit
dem Sturz der Taliban vor fast sechs Jahren. Warlords und Taliban haben in weiten
Landesteilen das Sagen. Schulen werden zerstört, Hilfsorganisationen haben sich aus
einigen Regionen völlig zurückgezogen. Der Staat schützt seine Bevölkerung nicht,
auch weil Polizei und Justiz nicht funktionieren. Vor diesem Hintergrund ist es
verantwortungslos und in keiner Weise nachvollziehbar, Abschiebungen nach
Afghanistan durchzuführen.
Die Autorin ist Asien-Expertin der deutschen ai-Sektion.
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